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Documentary Editing TEI Download PDF Download

Gengnagel, Tessa; tessa.gengnagel@uni-koeln.de

Dieser Artikel basiert auf der älteren Version von N.N.

Documentary Editing ist ein in den USA entwickeltes Editionsverfahren, das zwar häufig in Quelleneditionen verwendet wird, aber eine davon unabhängige Logik entwickelt hat. Das Editionsverfahren bevorzugt die Dokumentation des textlichen Befundes der ursprünglichen Textzeugen. Thomas Tanselle ist der Begründer des Verfahrens, das sich von den auswählenden Verfahren (Eclectic Edition) der Copy-Text-Theorie ebenso wie von normalisierenden und modernisierenden Verfahren abgrenzt (Tanselle 1978). Es legt besonderen Wert darauf, konsequent Orthographie, Grammatik, Groß- und Kleinschreibung, Abkürzungen, Streichungen und Interpunktion jedes einzelnen Textzeugen zu erhalten. Stillschweigende Emendationen missachten in dieser Logik die Erkenntnisse, die sich aus unsicherer Orthographie oder kreativem Gebrauch von Interpunktion ziehen lassen. In diesem Sinne ist der Grundgedanke des Documentary Editing mit Prinzipien der New Philology und Material Philology verwandt, die Aspekte der Überlieferungsgeschichte in den Mittelpunkt gerückt haben, mithilfe derer sich Rückschlüsse auf den Gebrauchskontext und die räumlich-temporal situative Niederschrift eines Textes ziehen lassen (Cerquiglini 1989; Stackmann 1994). Das Documentary Editing der US-amerikanischen Prägung steht allerdings nicht in der Tradition der kontinentaleuropäischen Textkritik, galt lange als unkritisch oder semi-wissenschaftlich (Pierazzo 2014, S. 1) und wurde als Dichotomie verschiedener Disziplinen charakterisiert: ‘documentary editing’ versus ‘critical editing’ analog zu ‘historical editing’ versus ‘literary editing’ (Kline/Perdue 2008, S. 11).

Die jüngste Ausgabe des US-amerikanischen Guide to Documentary Edition (Kline/Perdue 2008) schlägt für viele paläographische Phänomene eine symbolische Notation (wie z. B. eckige Klammern für unleserliche Lücken) vor und für die verbliebenen die Verwendung von Annotationen. Dieser Guide ist jedoch weniger radikal als die von Tanselle und von Theoretikern wie Jerome McGann weiterentwickelte Editionstheorie (McGann 1983), sodass heute die Bezeichnung Documentary Editing jede Edition von textlichen ‘Überresten’ im Sinne der Quellentypologie Johann Gustav Droysens (Droysen 1937, S. 38–50) meint, die besonderen Wert auf die präzise Wiedergabe des linguistischen und paläographischen Befundes legt (vgl. dazu auch diplomatische Transkription sowie Hans Zellers Unterscheidung zwischen “Befund” und “Deutung” (Zeller 1971; Dedner 2008)).

Im spezifischen Kontext Digitaler Editionen sei darüber hinaus auf den Diskurs zu Digital Documentary Editing hingewiesen, der Anfang der 2010er-Jahre zur Disposition gestellt hat, inwiefern das digitale Medium das Entstehen von Documentary Editions begünstigt, befördert und verändert (Pierazzo 2011; Pierazzo 2014). Während Elena Pierazzo das Paradigma diplomatischer digitaler Documentary Editions befürwortet hat und damit in einer Tradition anderer Wissenschaftler steht, die ebenfalls den ‘dokumentzentrischen’ Charakter digitaler Editionen betonen (Gabler 2007), wurde ihnen von anderer Seite vehement widersprochen. Insbesondere Peter Robinson hat hierbei den editorischen Dualismus von Text-als-Werk und Text-als-Dokument hervorgehoben (Robinson 2013, S. 123) und die digitale ‘Faksimilierung’ von Editionen als Form der intellektuellen Distanzierung kritisiert (Robinson 2013, S. 127), die Leserinnen und Lesern nicht das eigentliche wissenschaftliche Erkenntnisinteresse an den Editionsgegenständen vermitteln würde. In jüngerer Zeit gibt es Ansätze zur Rekonzeptualisierung von “Dokument” und Leseerfahrung im Kontext digitaler Editionen; so etwa Dirk van Hulles Vorschlag zur Nutzung von Dynamic Facsimiles zur Erlebbarmachung genetischer Schreibprozesse bei Born-digital-Werken (van Hulle 2021).

Literatur:

  • Cerquiglini, Bernard. 1989. Éloge de la variante. Histoire critique de la philologie. Paris.
  • Dedner, Burghard. 2008. Die Ordnung editorischer Darstellungen. In: Editio 22, S. 60-89.
  • Droysen, Johann Gustav. 1937. Historik. Vorlesungen über Enzyklopädie und Methodologie der Geschichte. München. URL: https://doi.org/10.1515/9783486769401.
  • Gabler, Hans-Walter. 2007. The Primacy of the Document in Editing. In: Ecdotica 4, S. 197-207.
  • Hulle, Dirk Van. 2021. Dynamic Facsimiles: Note on the Transcription of Born-Digital Works for Genetic Criticism. In: Variants, S. 231-241.
  • Kline, Mary-Jo; Holbrook Perdue, Susan. 2008. A Guide to Documentary Editing. Charlottesville, London. URL: https://gde.upress.virginia.edu/00C-gde.html.
  • McGann, Jerome J. 1992. A Critique of Modern Textual Criticism, Foreword by David C Greetham A Critique of Modern Textual Criticism. Charlottesville, London. URL: http://books.google.be/books?hl=en&lr=&id=_EKipG36yiAC&oi=fnd&pg=PR9&dq=a+critique+of+modern+textual+criticism&ots=7Y7BJCrn3d&sig=YQZMVRwkOQ5FF_YKzmk6R-jp2fE.
  • Pierazzo, Elena. 2011. A rationale of digital documentary editions. In: Literary and Linguistic Computing 26, S. 463-477.
  • Pierazzo, Elena. 2014. Digital Documentary Editions and the Others. In: Scholarly Editing: The Annual of the Association for Documentary Editing 35, S. 1-23.
  • Robinson, Peter. 2013. Towards a Theory of Digital Editions. In: The Journal of the European Society for Textual Scholarship. Leiden, NL, S. 105–131.
  • Rosenberg, Bob. 2006. Documentary Editing. In: Electronic textual editing. Hrsg. von Lou Burnard, Katherine O'Brien O'Keeffe und John Unsworth. New York, S. 92-104.
  • Stackmann, Karl. 1994. Neue Philologie. In: Modernes Mittelalter: Neue Bilder einer populären Epoche 2513. Hrsg. von Joachim Heinzle. Frankfurt a. M. [u. a.], S. 398–427.
  • Tanselle, G Thomas. 1978. The Editing of Historical Documents. In: Studies in Bibliography 31, S. 1-56.
  • Zeller, Hans; Martens, Gunter; Zeller, Hans. 1971. Befund und Deutung. Interpretation und Dokumentation als Ziel und Methode der Edition. In: Texte und Varianten. Probleme ihrer Edition und Interpretation. München, S. 45-89.

Zitiervorschlag:

Gengnagel, Tessa 2024. Documentary Editing. In: KONDE Weißbuch. Hrsg. v. Selina Galka und Helmut W. Klug unter Mitarbeit von Susanne Höfer im Projekt "Enlarging 'Weißbuch Digitale Edition'". Aufgerufen am: . Handle: hdl.handle.net/11471/562.50.72. PID: o:konde.72

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